Sein: Tag 5 & 6 von 90

Das Wochenende ist fast vorüber, was soll ich sagen, ich hab gestern wie auch heute viel geschlafen. Das mich die Pandemie-Situation belastet, ist kein Geheimnis. Ich mach keinen Hehl draus, warum auch. Ich fühl mich extrem allein gelassen. Soll ich es schön reden. Nein, definitiv nicht! Es ist absolut ok traurig zu sein, es ist absolut ok, sich leer und perspektivlos zu fühlen. Es ist verflucht ok so zu sein wie es eben gerade ist. Genau in dem Tempo wie man das selber will.

Da meine neue Wohnung leider einen Nordbalkon hat – ergo keine Sonne – ich zwar heute spazieren war, aber mir die Sonne noch zu wenig, dachte ich mir ich setz mich in mein Elternhaus. Sonne tanken, einfach sein, nichts tun, sich leer fühlen.

Das war aber ein Fail.

Wisst ihr was mir immer am meisten wehtut. Ich bin sehr bemüht, dass ich alle Menschen in meiner Freizeit um mich lasse wie sie sind. Ich käme nie auf die Idee, dass ich jemanden ungefragte Ratschläge erteile oder ihm sage, nur weil ich ihn tatsächlich im Moment nicht verstehe, dass er dumm, blöd, deppat, nicht richtig im Kopf ist oder keine Ahnung vom Leben hat. Das wäre eine massive persönliche Grenzüberschreitung, die für mich nicht ok ist, weil ich den anderen Menschen nicht vorsätzlich verletzen möchte – warum auch? Ich würde mir denken, es wird schon seinen Grund haben, dass dieser Mensch es so sieht und ja klar ärgert es mich manchmal, aber ich kann und will andere Menschen nicht ändern – da wären wir jetzt beim Thema: man muss nicht alles und jeden verstehen, nein, das geht ja auch gar nicht, es geht einfach manchmal nur darum zu zuhören und einfach nur da zu sein. Also den anderen SEIN lassen.

Früher hätte ich den Kopf eingezogen, hätte an mir gezweifelt ohne Ende, wenn mich jemand nicht SEIN lassen hätte. Ich hätte mir den Kopf darüber zerbrochen, ob wirklich etwas falsch ist mit mir und meinen Emotionen, hätte geweint und mich verurteilt … aber heute ist das anders.

Ich bin in mein Auto eingestiegen und dachte mir nein, alles richtig. Nur weil eine Person mich nicht verstehen will, heisst das noch lange nicht, dass etwas falsch mit mir ist und alle gegen mich. Es können einfach nicht alle Menschen mit dem umgehen was euch beschäftigt bzw wollen einen nicht verstehen. Sie verlangen zwar nach Ehrlichkeit, vertragen aber die Wahrheit nicht, weil ihnen in Wahrheit die Empathie fehlt oder auch die Geduld und Erfahrung, dass sie eure Situation nachvollziehen oder korrekt beurteilen könnten – was ja absolut nicht möglich ist, weil keiner kann euer Leben leben und somit beurteilen wie es euch geht – oder sich hervortun müssen mit Ratschlägen damit sie sich selbst eigentlich besser fühlen, dass sie etwas gesagt haben.

Mit Ablehnung muss man im Leben zurecht kommen, noch bitterer ist Ablehnung, wenn man eh schon am Boden ist und nach Hilfe fragt – da gibt’s dann auch noch Menschen die treten dann noch nach, weil sie euch dann dort haben, wo sie euch immer schon haben wollten nämlich endlich unter sich und somit manipulierbar. Ich konnte das lange nicht – sehr lange nicht, also mit Ablehnung umgehen – ist ja auch nicht so leicht damit umzugehen, wenn man sich öffnet und dann es gewohnt ist getreten zu werden.

Ich habe somit in frühester Kindheit alles dafür getan keine Ablehnung zu erfahren, sozusagen mich nicht in die Situation gebracht wo keiner treten kann. Ich habe daher alles dafür getan, was mit Leistung möglich war um möglichst nicht abgelehnt zu werden und desto mehr ich mich angestrengt habe, desto mehr hatte ich das Gefühl mit Ablehnung nicht umgehen zu können. Irgendwann während der Studienzeit war Ablehnung oder etwas nicht schaffen mit so viel Angst verbunden, dass ich teilweise wie gelähmt war. Angst war aber noch nie ein guter Ratgeber, was ich nämlich nicht berücksichtigt habe: Kein Mensch auf dieser Welt kann so perfekt sein, dass er nie Ablehnung durch andere erlebt. Man darf ruhig in der Situation sein, sagen, dass es einen nicht gut geht bzw etwas nicht ok ist und sein innerstes bzw seine Verletzlichkeit zeigen, aber man muss sich ja nicht zu den Leuten stellen die nach einem treten und wenn mal jmd tritt dann drüber stehen, man muss es nicht allen recht machen.

Sich selbst und somit auch seine Verletzlichkeit öffentlich zu zeigen hat was mit Mut zu tun und ist definitiv keine Schwäche und jeder der euch etwas anderes einreden will, hat ein Problem mit sich selbst. Es ist doch tausendmal schöner ein Leben mit Ecken und Kanten zu führen, als sich permanent verstellen zu müssen um es anderen recht zu machen. Dem einzigen Menschen dem man was recht machen sollte ist sich selbst und ev. anderen wenn man es will. Merkt euch: zwischen müssen und wollen ist ein gravierender Unterschied.

Ich habe mir dann vorhin ein ziemlich tolles Video von einer österreichischen Bloggerin – vanillaholica angeschaut, was ich entdeckt habe. Da reden einige verschiedene Mädels wie es ihnen gerade geht. Find ich toll, find ich mutig, ich verlinke es euch:

Für meine Selbstfürsorge habe ich heute ausgiebig gebadet – tat so gut – und das Buch „Eigensinn“ weitergelesen. Mich hat das Buch dann mehrere Seiten nicht mehr losgelassen.

Es geht darum dem Leben wieder einen Sinn zu geben, wenn man bestimmte Rahmenbedingungen einfach nicht ändern kann. Dabei sollte man sich Antworten zu folgenden Fragen überlegen:

  • Was ist mir im Leben wichtig?
  • Wer oder was beeinflusst mich?
  • Gibt es in meinem Leben Menschen, die genau wissen was gut für mich ist?
  • Welche Menschen bewundere ich?
  • Was haben diese, was ich nicht habe?
  • Welche Art von Person will ich ganz bestimmt nicht sein?
  • Welche Werte finde ich wichtig?
  • Bin ich stolz auf mich und das, was ich tue?
  • Was macht mein Leben lebenswert, was belastet es?
  • Was brauche ich, um ganz ich selbst sein zu können?
  • Gefällt mir das Leben, so wie ich es im Moment führe, oder müsste ich die Weichen anders stellen?

Außerdem um Selbstliebe wirklich leben zu können, auch wenn man bestimmte Rahmenbedingungen nicht ändern kann, sollte man darauf achten, dass man in vier wichtigen Bereichen eigensinnig bleibt

  • überwiegend nur das tun, was für einen persönlich Bedeutung hat
  • nach Möglichkeit nur Ziele verfolge, die wir uns selbst gewählt haben
  • Rücksicht nehmen auf die eigenen Bedürfnisse
  • nicht falschen Glücksversprechungen auf dem Leim gehen

Ich lass das jetzt mal so stehen. Bin müde. Muss schlafen gehen. Morgen ist ein neuer Tag.

Namaste.