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VERGISS MEIN NICHT: WIR HABEN DIE REIZWÄSCHE VERGESSEN!

Letzte Woche war ich im Linzer Fundbüro. Ihr glaubt nicht, was Menschen so verlieren können. Dabei nehme ich mich selbst nicht aus. So ein Handschuh, Schirm oder auch ein Schlüssel geht schon mal als Öffi-Fahrerin ab und an verloren. Darum gibt es das Linzer Fundbüro. Da die Linzer Öffis täglich gereinigt werden, werden auch alle Gegenstände die liegen gelassen werden von den Reinigungskräften abgegeben. Im Fundbüro.

„Ist mein Schlüssel hier? Er hat einen kleinen Holzanhänger dran“, frage ich die beiden Damen, hinter dem Schalter, während mein Blick durch den Raum schweift.

Rechts hängen an einer Wand 100e, wenn nicht 1.000e an Schlüsseln, darunter befindet sich ein Kästchen mit unzähligen Sonnenbrillen und in der Mitte ist ein Tisch mit Textilien. Ich schaue genauer hin.

Himmel-Herrgott, das sind Unterhosen! Wer verliert bitte Unterhosen einfach so mitten in der Stadt?

„Sind das Unterhosen?“ frage ich die Damen hinter dem Schalter ungläubig und deute auf den Tisch in der Mitte. Irgendwie kann ich das fast nicht glauben! Mein Kopfkino geht mit mir durch. Ein ekelerregender Schauer läuft mir durch den Körper, bei dem Gedanken, dass die Höschen alle benutzt sind und noch nicht gewaschen wurden.

„Ja!“ bekomme ich als trockene Antwort von einen der Damen.

Wie findet man dann seine eigene Unterhose wieder? In dem man riecht? Uiii, ich weiß, mein Kopfkino geht mit mir gerade durch.

Also zurück zum Schlüssel. Mein Schlüssel war wirklich im Fundbüro. Was für ein Glück!

Die Höschen-Sache hat mir aber dann länger keine Ruhe gelassen. Es hat mich nämlich an etwas erinnert. Nicht, dass ihr jetzt meint, ich habe schon mal mein Höschen in der Öffentlichkeit verloren und jetzt kommt da eine Story dazu. Nein, nein und wenns so wäre, würde ich euch sicherlich nicht davon erzählen! Hallo!? Eine anständige Frau schweigt und geniesst.

Die Höschen-Sache hat mich aber an meine verstorbene Oma erinnert. Ich weiß die Verbindung Höschen mit Oma ist jetzt nicht gerade etwas Erotisches oder etwas Gewöhnliches an das man sich an einen verstorbenen Menschen erinnert.

Oma, Gott hab dich seelig, aber ich muss diese Geschichte nun öffentlich erzählen, weil ich denke, man sollte sich an jemanden verstorbenen nicht nur in einer traurigen Art und Weise erinnern.

Meine Oma war Katholikin. Durch und durch. Meine Oma war eine unglaublich gebildete und kluge Frau mit einem starken Glauben. Wäre meine Oma in einem anderen Jahrhundert, ohne Zweiten Weltkrieg und Flucht aufgewachsen, hätte sie keine 3 Kinder alleine großziehen müssen. Sie hätte wahrscheinlich studiert, wäre gereist und hätte ein großes Imperium geführt. Meine Oma war, was Finanzwesen, Management und Planung von Dingen betrifft nämlich ein Genie. Eine gaaanz große Nummer, ich sags euch! Es war nicht immer leicht mit ihr, weil sie eine rigorose Umsetzerin und ein NEIN nur ein Wort mit 4 Buchstaben für sie war.

Es mag euch daher nicht verwundern, dass meine Oma schon Jahre vor ihrem Tod ihre eigene Beerdigung bis ins Detail geplant hat. Angefangen von dem Beerdigungssparbuch, wo sie regelmäßig Geld eingezahlt hat, bis hin zum Bestatter den sie sich wünschte, bis hin zur Klamotten-Auswahl die sie an ihrem „besonderen“ Tag im Sarg anhaben wollte.

Als meine Oma dann wirklich beschlossen hat zu gehen, war eigentlich ziemlich alles zu 99 % vorbereitet. Stunden nachdem Oma von uns gegangen ist, haben wir den Bestatter aufgesucht. Zu viert saßen wir da, meine Tante, mein Onkel, meine Mutter und ich. Meine Tante hatte die vorbereiteten Dokumente und die Sarg-Kleidungsauswahl von meiner Oma mit.

„Sie ist tot, sie ist wirklich tot. Maaaama, wo bist du nun?,“ theatralisch wimmernd schluchzte meine Mutter vor sich hin. Wäre meine Oma jetzt noch unter uns gewesen, hätte sie mit Sicherheit sehr bestimmt zu meiner Mutter gesagt: „GERTI, REISS DICH ZSAM! Das Leben geht weiter!“

Meine Tante und ich waren gefasster. Wir waren traurig, sehr traurig, aber ist halt so, was soll man machen. Oma`s Körper hat beschlossen zu gehen.

Wer schon mal beim Bestatter gesessen ist, weiß das ist knallhartes Business. Klassische katholische Beerdigungen kosten nämlich so richtig, richtig viel Geld.

Ich war erstaunt, wie viel man da ausgeben kann und ich kann mir vorstellen, wenn manche Menschen unter Schock, wegen der verstorbenen Person stehen, dass sie da wirklich bis in die Schulden Geld ausgeben und es nicht mal checken.

Es war mir damals so richtig klar, warum es nicht umsonst heißt: „Wenn man einen Bestatter heiratet, dann hat man ausgesorgt. Nun ja vielleicht sollte ich mal einen „daten“. Der Zeremonien-Meister dann auf Oma`s Beerdigung war wirklich nicht von schlechten Eltern, aber auf einer Beerdigung zu flirten bzw Nummer auszutauschen finde sogar ich ein bisschen – pi·e·tät·los. Obwohl Oma wahrscheinlich gesagt hätte: „Tu nur, ist doch nichts Schlechtes. Guter Mann, gute Kinder. Bei dir ist auch schon nach Mittag, da muss man Chancen ergreifen!“

Ich finde an einer Leiche grundsätzlich nichts Schlimmes. Es ist nur etwas Befremdliches, weil man es nicht alltäglich sieht. Der Tod gehört ja irgendwie zum Leben dazu. Also zurück zum Bestatter.

Der Bestatter nimmt die Kleidungsauswahl von meiner Oma entgegen. Schaut sich die Kleidungsstücke an und meint dann: „Wollen sie der verstorbenen keine Unterwäsche anziehen?“.

Meine Tante und ich blicken auf! „Wie, Unterwäsche?“ „Da ist keine Unterwäsche dabei!“, stellt der Bestatter fest. Meine Tante und ich blicken uns an. Beide denselben Gedanken: Oma ohne Unterwäsche zu beerdigen, das geht gar nicht!

Ein Argument für Unterwäsche war außerdem, dass es bei fast -10 Grad Außentemperatur, welche es während der Beerdigungszeit hatte, dezent ein bisschen luftig bei Oma unten rum werden könnte, obwohl ja klar so ein Leichnam nix mehr spürt.

Trotzdem unsere katholische Oma, die immer auf sehr sittsame und gepflegte Kleidung geachtet hat, ohne Unterwäsche zu beerdigen, nein da waren wir uns einig, das geht aus Respekt-Gründen schon gar nicht!

Vielleicht war es Absicht von meiner Oma, dass sie die Unterwäsche zum Organisieren vergessen hat. So ein kleiner Streich gegen das immer brave und sittsame.

Ich weiß es nicht!

„Oma, wenn du das jetzt im Himmel liest, stelle ich mir vor, wie du da sitzt und geheimnisgrämend schmunzelst. Wahrscheinlich wolltest du eine neue schöne Unterwäsche, gibs zu! Welche Frau mag nicht manchmal schöne neue Unterwäsche geschenkt bekommen?“

Mein Onkel hat, ich weiß nicht ich glaube beim Palmers, Unterwäsche für Oma besorgt. Beim Trauer-Marsch, bei der Beerdigung, habe ich dann meiner Tante zugeflüstert: „Trägt Oma nun Unterwäsche im Sarg?“

„Ja, sie hat es jetzt auch unten rum ganz schön!“

Ihr mögt nicht wissen, was ich mir da jetzt gerade für Reizwäsche vorstelle.

Ich gönne es dir, meine liebe Oma! Wir vermissen dich!

 

2 Kommentare zu “VERGISS MEIN NICHT: WIR HABEN DIE REIZWÄSCHE VERGESSEN!

  1. Schön geschrieben, danke. Falls Dir das etwas oberlehrerhaft vorkommt, ich war einmal Lehrerin. Dein Text gfällt mir sehr gut!

  2. eine sehr, sehr schöne Geschichte!

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